Kostbarkeiten aus der Schatz- und Wunderkammer

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Susanne Kieß-Schaad, Chefin von Langani-Schmuck, hat das Erbe ihrer Mutter angetreten.

 

Es ist angerichtet: Auf langer Tafel ein bunter und glitzernder Augenschmaus der Verführungen. Genau so wollte die Langani-Chefin Susanne Kieß-Schaad ihre neue Modeschmuck-Kollektion präsentieren und hat dafür einem schlichten Schuppen neuen Glanz verliehen.

 

Von Heidemarie A. Hechtel

STUTTGART. Früher einmal standen hier, hinter dem mit Efeu bewachsenen Haus am Stöckach, die Kutschpferde. „Daher haben wir es Remise getauft“, erklärt Susanne Kieß-Schaad und öffnet die Tür des rot gestrichenen Holzbaus. Dahinter tut sich eine Welt voller Schätze und Kostbarkeiten auf: Ketten, Colliers, Anhänger, Ohrringe und Armreifen in allen Farben und Formen, der berühmte Langani-Schmuck mit der schwarzen Perle, der die Damen- und Modewelt seit fast 60 Jahren entzückt und fasziniert.

Weil eine schier unerschöpfliche Fantasie immer wieder neue Gestaltungs- möglichkeiten kreiert und der Reichtum an Materialien aus der ganzen Welt grenzenlos zu sein scheint. Angeregt und inspiriert von einer Fülle von Materialien: Perlen aus Glas, Kunststoff und Holz, rund, zylindrisch, oval, geschliffen, bemalt und mit besonderem, eingebranntem Dessin, Plättchen, Scheiben, Stifte, dazu Schätze der Natur wie Horn, Muscheln, Perlmutt, Mink, ein Gestein aus dem Meer, Koralle, – „aber nur bereits abgestorbene“, versichert Frau Kieß – Türkise, Achate und Silber.

Zebras und Elefanten am Collier, eine Kobra um den Hals: Afrika liegt gerade im Trend

Gehäuft und gelagert in Schubkästen, langen Reihen von Plastikcontainern und nicht enden wollenden Regalmetern in den Keller- Katakomben: „Unsere Schatz- undWunderkammer“, führt die Chefin durch den geheimen Hort. Gerade sei Afrika ein großes Thema: Da dürfen dann winzige Elefanten und Zebras vom Collier baumeln, das mit dem Wild-Animal- Look der Teile aus Horn seiner Trägerin einen Hauch von Verwegenheit und gleichzeitig kolonialer Nostalgie verleiht. Oder darf es eine Kobra um den Hals sein? Der Kunststoff für die gleichnamigen Modelle, Kette, Armreif und Ohrclip, bekam seine Zeichnung tatsächlich von der – natürlich längst abgestoßenen – Haut von Schlangen. Wen da leichte Schauer einer Urangst ergreifen, dem sagt vielleicht der Armreif aus schwarzem Kunststoff, dem eingelassene Sonnenblumenkerne einen afrikanischen Look geben, mehr zu. An den Bakelit- Schmuck aus der Art déco-Epoche erinnern die dekorativen Colliers aus großen ovalen Steinen in Schwarz und Rot, auch der schwarze Jett-Schmuck aus geschliffenem Glas erlebt ein Revival, ebenso Strass, das mit silbernem Metall zum festlichen Geschmeide kombiniert wird. Ein verspieltes Blümchen-Collier in Altrosa und Perlmuttweiß will sich um einen zarten Mädchenhals schmiegen, und mit den Ketten aus irisierendem Glas, bunt wie Bonbons oder grün wie Sommeräpfelchen, wird jeder trübe Wintertag gleich fröhlicher. Natürlich trägt Susanne Kieß-Schaad selbst eines dieser halsnahen Colliers mit dicken Steinen, bunt, aber in traumwandlerisch stilsicher abgestimmter Farbkombination.

Zu schlichtem Schwarz, da kommt es am besten zur Geltung. Was die Firmenchefin immer wieder erlebt: „Ich werde oft von wildfremden Leuten angesprochen, die den Schmuck bewundern.“ Das wundert sie nicht: „Dieser Modeschmuck ist doch viel fantasievoller und dekorativer als eine fade Perlenkette“, sagt sie unumwunden. Die heute 65-Jährige hat nach ihrer Ausbildung an den Kunstakademien in Berlin und Stuttgart und mit einem Gesellenbrief für dieses Kunsthandwerk das Erbe ihrer Mutter Anni Schaad-Lang (1911–1988) angetreten. Die Stuttgarterin, die in Wien bei den berühmten Professoren Josef Hoffmann undEmmyZweybrück-Prohaska Textilentwurf studiert hatte, schuf nach dem Krieg aus einem Fundus an Federn, Blumen, Glasperlen, Muscheln, den sie aus der Donaumetropole mitgebracht hatte – „eine Schachtel Wiener Charme“, nannte sie den „Kruscht“ –, die ersten kunstgewerblichen Kreationen. 1952 wagte sie damit den Schritt ins Geschäftsleben, und aus der Lang Anni wurde der Markenname Langani, unter dem ihr Modeschmuck seinen Siegeszug antrat. Vor Nachahmungen bewahrt durch die schwarze Perle neben dem Verschluss.

Anni Schaad-Lang hat den Modeschmuck gesellschaftsfähig gemacht

Denn Anni Schaad-Lang bestach durch eine bis dato einmalige Technik: Ihre Kreationen aus handgewickelten Glasperlen, die, von durchsichtigen Nylonfäden gehalten, duftig und zart auf der Haut zu schweben scheinen. Im Firmensitz ist dieses Erbe allgegenwärtig: Durch die Modefotos von Regi Relang – alias Regine Lang und eine Schwester von Anni Lang –, auf denen das damalige Top-Model Ina Balke die Glasperlenspiele präsentiert. „Sammler zahlen dafür hohe Preise“, weiß Susanne Kieß, die davon träumt, dass diese Kostbarkeiten einmal ihren Platz in einem Museum finden können. Nachdem sie auch schon den Traum eines eigenen Geschäfts, Artani in der Eberhardstraße, verwirklichte, wird ihr das wohl auch noch gelingen. „Wir haben 20 Jahre lang die Modenschauen von Louis Féraud ausgestattet“, erzählt Susanne Kieß-Schaad. Dann sei Modeschmuck out gewesen: „Auch wir mussten uns verkleinern.“ Längst fand das Comeback statt, und am Stöckach arbeiten fünf Schmuckdesignerinnen und 20 Schmuckhandwerkerinnen, die auffädeln, knüpfen und knoten. „Wir sind ein reiner Frauenbetrieb“, sagt die Chefin. Alles sei reine Handarbeit. Das hat seinen Preis. Bewunderung und Aufsehen ist seiner Trägerin dafür sicher. Denn wie attestierte ein Bewunderer einst Anni Lang-Schaad: „Sie haben Modeschmuck gesellschaftsfähig gemacht.“

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